Erfahrungsbericht
Der Lange Zügel und Lipizzaner


Schauauftritt " Deurne 2009"

Das sind zwei Begriffe, die heute in meinem Leben eine große Rolle spielen.
Bei der Arbeit am Langen Zügel führt man alle Lektionen der (klassischen) Dressur aus. Dabei sitzt man allerdings nicht auf dem Pferderücken, sondern läuft hinter oder leicht neben dem Pferd her. Man dirigiert das Pferd mit den Zügeln, der Stimme und seiner Körperposition.

Mich haben Ponys und Pferde von Kindheit an fasziniert.
Spaziergänge mit Eltern und Hund fanden an der ersten Pferdeweide ein jähes Ende.
Bei einem Urlaub in Österreich begegnete ich zum ersten Mal in meinem Leben Lipizzanern. Ich war tief beeindruckt von den imposanten weißen Tieren.
Kaum aus dem Urlaub wieder in meiner Heimat Holland zurück, entdeckte ich, dass ganz in meiner Nähe ein Lipizzanerzüchter wohnt. Dort konnte man auch Reitunterricht nehmen. Überglücklich machte ich mich wöchentlich auf den Weg zu diesem Stall. Mit dem Bus oder Zug war das eine Fahrt von über einer Stunde. Diesen Aufwand waren mir die Pferde einfach wert.


Regine und ihre Stute Capriola

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Das erste eigene Pferd
Vor ungefähr zehn Jahren kaufte ich von eben diesem Züchter meinen ersten eigenen Lipizzaner. Ich hatte das Pferd in den Jahren vorher oft geritten: eine wunderschöne Stute namens Capriola.
Gemeinsam mit ihr ging ich auf "Entdeckungsreise". Wir durchstreiften die Wälder, und übten eifrig auf dem Dressurplatz unsere Lektionen.
Bei den Vorführungen der
Spanischen Hofreitschule hatte ich die Arbeit am Langen Zügel gesehen. Keine Ahnung, wie das ging, aber ich wollte das lernen. Und Capriola war zu allen Schandtaten bereit. Einen Lehrer für diese Art der Pferdepräsentation gab es damals nicht. Also besorgte ich mir Bücher, Filme und Fotos und probierte munter drauf los.
Wer mich beobachtete, hielt mich für verrückt. Wieso rennt da jemand hinter seinem Pferd her? Die einen sagten : "Setz dich doch drauf"; die anderen fragten:" Ist das eine Übung zum Einfahren der Stute?"
Ich ignorierte die Kommentare und übte fleißig weiter. Capriola machte mir das auch wirklich leicht. Sie fand die Arbeit am Langen Zügel unheimlich lustig. Es machte uns beiden Spaß. Schon bald konnten wir eine schöne Strecke im versammelten Trab absolvieren. Sogar der vorsichtige Versuch eines Schulterherein klappte. Capriola war unglaublich emsig und gab sich unheimlich viel Mühe, alles richtig zu machen. Sie war lernbegierig und pfiffig. Ein Lipizzaner eben.


Auftritt bei "Paard 2008"


Auftritt "Horse Event te Deurne 2009"

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Der Lohn der Arbeit
2005 warf unser stetiges Üben erstmals Früchte ab: wir wurden gebeten, am niederländischen Barockpferdetag teilzunehmen. Ein spektakuläres Schaubild war für diesen Sonntag geplant: 10 Pferde am langen Zügel - und meine Stute und ich mitten drin. Die zehn Teilnehmer kamen aus ganz Holland. Vor dem Auftritt miteinander Üben war daher unmöglich. Also verabredeten wir uns für den Samstag, um vor Ort einen Probelauf zu starten. Die Pferde sollten sich wenigstens ein Mal vor dem Auftritt gesehen haben. Mein kleiner Pferdetransporter war allerdings anderer Meinung. Er brach zusammen und ich kam erst am Veranstaltungstag auf dem Gelände an.
Wir mussten improvisieren. Die Zeit drängte. Also ließen wir die Rösser im Stall und übten unser Programm alleine auf dem Parkplatz. Sehr zum Amüsement der umstehenden Besucher. Unsere "Parade" muss wirklich sehr komisch ausgesehen haben.
Und dann ging es hoppla hopp mit den Pferden in die Manege. Verständlich, dass der Auftritt nicht makellos verlief. Aber der Anblick der zehn weißen Barockpferde am langen Zügel sorgte für begeisterten Beifall. Das Publikum mochte die Lipizzaner, Andalusier und Lusitanos, die schöne Karussellfiguren darboten.
Für mich selbst war es ein enormer Kick zu erleben, wie meine Capriola während der Aufführung "wuchs" und wie unglaublich sie sich anstrengte. Nichts konnte sie aus der Fassung bringen oder erschrecken. Sie lebte für diesen Auftritt.
Ich hatte von der Anstrengung rote Wangen, aber ich strahlte vor Stolz - was alle Fotos hinterher belegten.
Ich wusste: das werde ich öfter tun, viel öfter! Meinen schlauen Lipizzaner den Leuten vorstellen und zeigen, wie viel Spaß die Arbeit am Langen Zügel macht. Wir waren noch nicht perfekt, das war mir klar. Weiter üben stand auf dem Trainingsplan.

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"Tag der Langen Zügel"
Inzwischen war die Arbeit am langen Zügel auch etwas populärer geworden. Ich lernte andere Anhänger dieser Arbeitsweise kennen. Wir unterhielten uns darüber, dass es in den Niederlanden so wenig Liebhaber für den langen Zügel gab. Ich beschloss das zu ändern. 2008 initiierte ich den "Tag der langen Zügel", ein landesweiter Event. Wir wollten Menschen neugierig machen auf die Arbeit am langen Zügel. Und wir wollten Fanatiker, die schon so arbeiteten, zusammenbringen.
Die Veranstaltung wurde ein Riesenerfolg! Die Atmosphäre an diesem Tag war mitreißend. Jeder genoss in vollen Zügen das Miteinander und die Arbeit mit den Pferden. Ich habe an diesem Tag verschiedene Unterrichtseinheiten angeboten: eine Art Anfängerkurs und Unterricht für Fortgeschrittene. Wer kein eigenes Pferd dabei hatte, bekam von uns ein Pferd. Meine Freundin Jacqueline Poot hatte für diesen Zweck zwei ausgebildete Lipizzaner dabei. Das Feedback war klasse. Der Tag war noch nicht zu Ende und die Anmeldungen für die nächste Veranstaltung lagen schon vor. Es stand außer Frage, dass wir das wiederholen. 2009 war die Beteiligung noch größer. Befreundete Amazonen bereicherten die Veranstaltung durch ein schönes Showprogramm mit ihren Pferden. Ein Tag, auf den ich voller Stolz zurück blicke.
Nach einer Pause im letzten Jahr ist 2011 wieder ein "Tag der Langen Zügel" geplant.

Seit der Durchführung in 2008 kamen auch Anfragen von Managern großer Events. Sie haben unsere Schaubilder für ihre Veranstaltungen gebucht. Für mich ist das jedes Mal eine Ehre. Es ist traumhaft mit einem tollen, blitzsauberen und geschmückten Pferd vor Publikum zu treten. In den Augen der Kinder spiegeln sich dann die eigenen Träume wieder.
Diese Auftritte sind mit sehr viel Aufwand verbunden, aber ich genieße jeden einzelnen Moment. Pferd und mich selbst herausputzen, das ganze Zubehör einpacken, der Rummel und Stress vor Ort. Ich liebe es. Wenn wir dann endlich in die Manege dürfen, fühle ich mich einen Moment lang so, wie sich früher wohl auch der Kaiser mit seinem Lipizzaner gefühlt haben mag. Ich promote die Rasse mit Stolz!


Schauauftritt "Equirience 2010"

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Die Anfänge der Arbeit am Langen Zügel
Lust bekommen, die Arbeit am langen Zügel selbst einmal zu probieren?
Ich helfe gerne auf die Sprünge, damit jeder erfährt, wie toll es ist, auf diese Art und Weise mit dem Pferd zusammen zu arbeiten.
Voraussetzung ist ein Pferd, auf das man sich vollkommen verlassen kann. Treten darf das Pferd nicht! Man kann sich unschwer vorstellen, dass man hinter dem Pferd in einem solchen Fall auf verlorenem Posten steht. Ich habe in all den Jahren keine Unfälle miterlebt. Aber es ist schon zu sehr unschönen Zwischenfällen gekommen.Das sollte als kleine Warnung mit auf den Weg gehen, Sicherheit ist das oberste Gebot!

Der Zügel ist ca. sechs Meter lang. Individuell rechnet man zwei Mal die Länge des Pferdes zuzüglich etwa 150 cm für den eigenen Laufraum.

Wenn das Pferd noch unerfahren ist, gewöhnt man es an den Langen Zügel, indem man ihn behutsam an den Seiten des Pferdes entlang und über den Rücken führt. Wenn das Pferd dabei ruhig stehen bleibt, ist der erste Schritt bereits gemacht. Loben nicht vergessen, wenn das Pferd artig ist. Dann stellt man sich an die Schulter des Pferdes und gibt den Befehl "Schritt". Das Pferd sollte diesen Befehl vom Longieren oder der Handarbeit natürlich kennen. Anfangs bleibt man auf dem Hufschlag. Das Pferd hat so durch die Bande eine Anlehnung. Wenn das Pferd nun los läuft, geht man ruhig neben der Schulter mit. Es ist sehr wichtig darauf zu achten, dass man selbst auf Schulterhöhe bleibt. Bleibt das Pferd stehen, was anfangs durchaus des öfteren geschieht, gibt man das Kommando "Schritt" erneut. Notfalls treibt man es mit einer kleinen Gerte behutsam an.
Läuft das Pferd brav neben einem, bewegt man sich nach einigen Übungseinheiten langsam in Richtung der Hinterhand. Anfangs sollte man unbedingt NEBEN der Hinterhand laufen, in Höhe des inneren Hinterbeines. Das ist eine relativ geschützte Position. Man darf nicht vergessen, dass das Pferd die ungewohnte Situation schnell einmal missverstehen kann.
Für die Zügelhaltung gibt es verschiedene Methoden: man teilt den Zügel, so dass das Pferd zwischen den Leinen läuft. In dem Fall liegt eine Hand auf der äußeren Hinterbacke des Pferdes. Diese Art wird in den klassischen Reitschulen praktiziert. Oder man nimmt beide Leinen auf EINE Seite des Pferdes , so dass der Zügel quer über dem Pferderücken liegt. Die erste Form ist eingängiger für das Pferd, Es versteht deutlicher, ob man grade aus gehen möchte oder in einen Seitengang.
Wenn das Pferd ruhig vor einem läuft, kann man mit Biegungen beginnen. Den Anfang bilden große Volten. Diese kann man im Lauf der Zeit immer mehr verkleinern. Beherrscht das Pferd die Volten links herum und rechts herum, sind Schlangenlinien eine sehr gute Übung für die Balance. Die Anlehnung zum Pferdemaul sollte ganz leicht sein. Das Pferd darf sich nicht auf die Hand legen, sondern soll sich selbst tragen. Darauf muss man von Anfang an achten. Wenn es bei den Biegungen nach innen fällt, nimmt man selbst die Außenkurve. Dadurch, dass man hinter dem äußeren Hinterbein läuft, strafft sich der innere Zügel und wirkt wie der innerer Schenkel beim Reiten. Eventuell reicht auch schon eine leichte Parade. Aber immer darauf achten, sofort wieder nachzugeben, wenn das Pferd gehorcht.


Lipizzanerquadrille "Am Langen Zügel"...(Fotos: Regine Riegman, ID Photos)

Das Gleiche gilt auch für den Trab. Hierbei ist es wichtig, dass man nicht neben oder hinter dem Pferd mit rennt. Man geht in einem normalen Tempo weiter. Die ersten Male wird das Pferd natürlich dafür zu schnell laufen. Man nimmt es dann sofort zurück. Ein erneutes Trab-Kommando mit einer leichten Parade wird das Tempo regulieren. Ein braves Pferd fällt logischerweise wieder zurück in den Schritt. Aber es versteht schnell, das es sich eigentlich nur im Tempo zurücknehmen soll, wenn man die Übung ein paar Mal gemacht hat. Wichtig ist, dass man selbst ruhig bleibt bei dieser Übung. So lassen sich alle Gangarten und Seitengänge Stück für Stück erarbeiten.

Jeder, der nun neugierig geworden ist, ist bei dem nächsten "Tag der Langen Zügel" natürlich herzlich willkommen. Der Termin wird bei Thema-Pferd frühzeitig bekannt gegeben. Über einen Besuch unserer
Website freuen wir uns.

Originaltext: Regine Riegman 2011
Übersetzung: Lambert Kelders